Das neue Leben des Matthias Lanzinger

Für Matthias Lanzinger (28) gibt es ein Leben vor dem 2. März 2008, und eines danach. Beim Weltcup-Super- G in Kvitfjell (Norwegen) ging der Salzburger mit Startnummer 30 ins Rennen. Nach einer Fahrzeit von etwas mehr als einer Minute wählte Lanzinger eine zu direkte Linie, touchierte ein Tor und stürzte schwer. So schwer, dass er sich im linken Unterschenkel einen offenen Bruch und schwere Gefäßverletzungen zuzog.

Der Abtransport – zunächst nach Lillehammer, dann ins Ullevål-Universitätsklinikum in Oslo – dauerte sechs Stunden. Bei der anschließenden Operation kam es zu Komplikationen, aufgrund derer Lanzinger in ein künstliches Koma versetzt werden musste. Nach einer vierten Operation (die dritte Gefäßrevision) durch den Salzburger Gefäßspezialist Thomas Hölzenbein, welcher mittels Privatjet eingeflogen worden ist, wurde die Durchblutung zwar wiederhergestellt,
war aber nicht stabilisierbar. Wegen schwerwiegender Gefäßverletzungen und der daraus resultierenden Sauerstoffunterversorgung und des zeitweise nicht intakten Blutkreislaufes im linken Unterschenkel musste dieser am 4. März 2008 unterhalb des Knies amputiert werden.

Wie es dem 28-Jährigen heute geht, das lesen Sie im nachstehenden
„Dolomiten“- Interview.

„Dolomiten“: Matthias Lanzinger, wer oder was treibt Sie nach Südtirol?

Matthias Lanzinger: Robert Brunner ist dafür verantwortlich.
Wir reden seit mehr als einem Jahr darüber, wieder hierher zurück zu kehren, wo ich schon als kleiner Bub mit meinen Eltern im Urlaub war. Aber durch den Hausbau, auch wegen meiner Rehabilitation
hatten wir vorher keine Zeit, dieses wunderschöne Land zu besuchen. Robert ist uns in der schwierigen Zeit nach dem Unfall sehr nahe gestanden, er war eine ganz wichtige Person für mich und ist ein enger Freund geworden. Er hat in diesen Tagen die Aufgabe des Fremdenführers übernommen.

„D“: Und, wie gefällt Ihnen Südtirol?

Lanzinger: Es ist ein wunderschönes Land. Wir haben dank Robert in diesen Tagen das „richtige“ Südtirol kennengelernt, also vor allem die
Menschen. Zudem ist die Innenstadt von Bozen ein Juwel, Schenna ist grandios. Und die Gegend ist halt doch sehr heimelig, sehr österreichisch.

„D“: Am 2. März 2008 nahm Ihr Leben mit dem Sturz beim Weltcup-Super-G in Kvitfjell eine dramatische Wende. Jeder, der sich nur halbwegs für Sport interessierte, fieberte in den Tagen danach mit Ihrem Schicksal mit. Aber auch jetzt, nach so langer Zeit, sind Sie noch immer in aller Munde. Ist das für Sie eine Überraschung?

Lanzinger: Mit so einer Anteilnahme, mit so einer Hilfe habe ich nicht gerechnet. Nach meiner körperlichen Gesundung bekam ich die Angebote von ORF und der Kronen-Zeitung zu einer dauerhaften Mitarbeit. Das ist eine reizvolle Aufgabe. Mindestens gleich wichtig ist mir aber mein Wirtschaftsstudium mit Blickrichtung Sport- und Eventmanagement.

„D“: Verspürten Sie nach Ihrem Unfall nie den Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden?

Lanzinger: Zum Teil. Der Rummel war schon sehr groß, aber es war irgendwie ein Selbstläufer. Andererseits habe ich nie etwas für andere gemacht, sondern auf mich und vor allem auf meine Freundin Eva geschaut. Sie ist meine wichtigste Bezugsperson, sie war gemeinsam mit meiner Familie der wichtigste Mensch in der schweren Zeit. Dass wir von Beginn an an die Öffentlichkeit traten, war reiner Selbstschutz. So ersparten wir uns Spekulationen oder eine unangenehme Hetzjagd.

„D“: Hat Sie die öffentliche Anteilnahme nie gestört?

Lanzinger: Anfangs habe ich das mediale Echo gar nicht richtig mitbekommen. Ich war voll auf meine Rehabilitation konzentriert. Mein Wunsch war es, wieder gesund zu werden. Ich muss sagen, dass ich immer fair behandelt wurde. Es wurden nie Grenzen überschritten.

„D“: Es wurde immer berichtet, wie gut Sie mit Ihrem Schicksal umgehen können, wie erstaunlich gefasst Sie das Erlebte verarbeiten. War das wirklich so?

Lanzinger: Es gibt natürlich Phasen, wo ein jeder, dem so etwas zustößt, glaubt, alleine auf der Welt zu sein. Aber wir sind nicht allein. Wir sind umgeben von Freunden, von Helfern, von Menschen, die einem unendlich viel Mut zu sprechen. Und in der Reha in Bad Häring habe ich gesehen, wie gut ich dran bin im Gegensatz zu vielen anderen. Ich kann nur sagen: „Mein Leben ist mehr als lebenswert.“
Ich kann alles wieder machen, kann Motorradfahren, kann Skifahren, kann alles tun, was mir Spaß macht. Natürlich – ich kann meinen Beruf als Skirennläufer nicht mehr ausüben. Aber ich bin immer der gleiche Mensch geblieben, auch jetzt, nach dem Unfall.

„D“: Wenn Sie Fanpost bekommen: Was schreiben Ihnen da die Leute?

Lanzinger: Viele sehen mich als Vorbild. Dabei frage ich mich: Ich soll ein Vorbild sein? Ein Vorbild ist für mich ein dreifacher Familienvater, der
vom Dach fällt, querschnittgelähmt ist und trotzdem sein Schicksal meistert. Für mich hätte die Sache mit dem Sturz in Kvitfjell besser, aber auch schlechter ausgehen können. „Wenn mich jemand um Rat fragt, dann gebe ich ihnen eines mit: Sie sollen auf die wirklich wichtigen Dinge des Lebens schauen.“ Ich meine damit die Familie, die Freunde, das Leben jener Leute, die einem wichtig sind. Für sie da zu sein, ist das Wichtigste. Wenn ich heute oder morgen eine Golfpartie mit einem Geschäftsfreund sausen lasse, dann bricht die Welt nicht zusammen.

„D“: Das klingt logisch, ist in unserer schnelllebigen, hektischen Zeit aber nicht unbedingt so…

Lanzinger: Man sollte nicht schauen, was man nicht hat. Jeder von uns sollte das hegen und pflegen, was er hat. Ich habe in meinem Sportlerleben nichts Großartiges geleistet. Ich war kein Ausnahmetalent wie andere. Ich habe immer hart trainiert, hart für meinen Beruf als Skirennläufer gearbeitet. Was unter dem Strich herausgekommen ist, war für mich okay. Ich war damals der Matthias, und ich bin jetzt der gleiche Matthias Lanzinger.

„D“:Ihre berufliche Zukunft scheint gesichert. Sie sind beim ORF, Sie schreiben für die Kronenzeitung, Sie arbeiten mit Ihren ehemaligen Sponsoren und Ausrüstern zusammen. Ist es das, was Sie wollen?

Lanzinger: Nach meinem Unfall hatte ich mit dem alpinen Weltcupzirkus abgeschlossen. Dass ich jetzt die Möglichkeit habe, beim Fernsehen
und bei der Zeitung zu arbeiten, hat sich so ergeben. Dafür bin ich ihnen auch dankbar. Nach dem Abschluss meines Studiums möchte ich bei meiner ehemaligen Skifirma Salomon einsteigen. Wenn es passt, ist es okay. Wenn nicht, dann geht es auch in Ordnung.
Mir ist vor der Zukunft nicht bange.

„D“: Wäre für Sie eine Karriere als Skitrainer nicht vorstellbar?

Lanzinger: Zur Zeit nicht. Ich bin in einer Findungsphase, lasse alles auf mich zukommen. Aber als Nachwuchstrainer könnte ich mir eine Tätigkeit
schon einmal vorstellen. Es hat schon seinen Reiz, mit jungen Athleten zusammen zu arbeiten. Ich glaube, ich hätte einen guten Draht und könnte ihnen einiges vermitteln. „Ich war nie das Megatalent, sondern
habe mir alles mit harter Arbeit erkämpft.“

„D“: Können Sie sich eine Karriere als Behindertenskiläufer vorstellen?

Lanzinger: Diese Frage habe ich mir schon öfters gestellt. Ich habe mit 13 Jahren begonnen, mein ganzes Leben auf die Karriere als Skirennläufer auszurichten und danach gelebt. Zur Zeit habe ich dieses Bedürfnis nicht. Der Behindertensport ist derart professionell geworden, dass es keinen Sinn macht, ihn nur „nebenher“ zu betreiben. Das sind alles Vollprofis. Vielleicht vermisse ich eines Tages wieder meine langjährigen Abläufe mit Training und Rennen. Aber vorerst genieße ich einfach jeden Tag, den ich mit meiner Freundin Eva und mit meiner
Familie verbringen kann.

„D“: Dennoch haben Sie einen exzellenten Eindruck hinterlassen, als Sie heuer über die Streif in Kitzbühel heruntergewedelt sind…

Lanzinger: Das ist etwas anderes, als Behindertenskirennen zu
bestreiten.Ich habe noch immer Probleme mit meinem Beinstumpf. Wenn ich länger Ski fahre oder auch nur drei Stunden wandere oder spazieren gehe, dann entzündet sich die Haut, dann spüre ich die Nervenenden. Ich bin gesundheitlich bei weitem noch nicht so „fit“, wie man meinen möchte.

„D“: Sie waren in Kitzbühel, später sogar auf der Unfallpiste in Kvitfjell. Warum haben Sie das gemacht?

Lanzinger: Ich habe das für mich getan. Ich will mich später nie fragen, warum hast du das und das nicht getan. In Kvitfjell war es schon etwas Besonderes, an der Unfallstelle zu stehen. Mir sind dort die Erinnerungen ähnlich hochgekommen wie jetzt in Meran. Ich habe ja hier als Bub den Urlaub mit meinen Eltern verbracht, und viele Orte und Erlebnisse sind mir wieder in den Kopf gekommen. Das war auch in Kvitfjell der Fall. Die Eindrücke waren sehr intensiv. Die Momente, als ich im Schnee lag, der Sturz, das waren schon intensive Momente.

„D“: Erinnern Sie sich noch immer an die Minuten nach dem Sturz, an die unmittelbaren Momente danach?

Lanzinger: Ja, vernebelt zwar, aber ich erinnere mich. Ich weiß noch, wie ich dort lag. Ich empfand keinen Schmerz. Ich hatte den Kopf bei meiner Freundin, wollte eigentlich nur nach Hause.

„D“: Derzeit läuft eine Schadenersatzklage gegen die FIS und die Weltcupverantwortlichen vor Ort. Wie ist der Stand?

Lanzinger: Das wird sich noch eine Weile hinziehen. Ich will mit diesem Prozess nur aufzeigen, wo es in der Rettungskette gehapert hat. Es geht darum, in Zukunft diese Kette noch fester, noch reißfester zu machen. Die Standards müssen verbessert werden, damit dies keinem weiteren Skirennläufer passiert. Was in finanzieller Hinsicht für mich herausschaut, ist nicht das Wichtigste.

© Dolomiten 2009, Interview: Andreas Vieider

Das neue Leben des Matthias Lanzinger

Für Matthias Lanzinger (28) gibt es ein Leben vor dem 2. März 2008, und eines danach. Beim Weltcup-Super- G in Kvitfjell (Norwegen) ging der Salzburger mit Startnummer 30 ins Rennen. Nach einer Fahrzeit von etwas mehr als einer Minute wählte Lanzinger eine zu direkte Linie, touchierte ein Tor und stürzte schwer. So schwer, dass er sich im linken Unterschenkel einen offenen Bruch und schwere Gefäßverletzungen zuzog.

Der Abtransport – zunächst nach Lillehammer, dann ins Ullevål-Universitätsklinikum in Oslo – dauerte sechs Stunden. Bei der anschließenden Operation kam es zu Komplikationen, aufgrund derer Lanzinger in ein künstliches Koma versetzt werden musste. Nach einer vierten Operation (die dritte Gefäßrevision) durch den Salzburger Gefäßspezialist Thomas Hölzenbein, welcher mittels Privatjet eingeflogen worden ist, wurde die Durchblutung zwar wiederhergestellt,
war aber nicht stabilisierbar. Wegen schwerwiegender Gefäßverletzungen und der daraus resultierenden Sauerstoffunterversorgung und des zeitweise nicht intakten Blutkreislaufes im linken Unterschenkel musste dieser am 4. März 2008 unterhalb des Knies amputiert werden.

Wie es dem 28-Jährigen heute geht, das lesen Sie im nachstehenden
„Dolomiten“- Interview.

„Dolomiten“: Matthias Lanzinger, wer oder was treibt Sie nach Südtirol?

Matthias Lanzinger: Robert Brunner ist dafür verantwortlich.
Wir reden seit mehr als einem Jahr darüber, wieder hierher zurück zu kehren, wo ich schon als kleiner Bub mit meinen Eltern im Urlaub war. Aber durch den Hausbau, auch wegen meiner Rehabilitation
hatten wir vorher keine Zeit, dieses wunderschöne Land zu besuchen. Robert ist uns in der schwierigen Zeit nach dem Unfall sehr nahe gestanden, er war eine ganz wichtige Person für mich und ist ein enger Freund geworden. Er hat in diesen Tagen die Aufgabe des Fremdenführers übernommen.

„D“: Und, wie gefällt Ihnen Südtirol?

Lanzinger: Es ist ein wunderschönes Land. Wir haben dank Robert in diesen Tagen das „richtige“ Südtirol kennengelernt, also vor allem die
Menschen. Zudem ist die Innenstadt von Bozen ein Juwel, Schenna ist grandios. Und die Gegend ist halt doch sehr heimelig, sehr österreichisch.

„D“: Am 2. März 2008 nahm Ihr Leben mit dem Sturz beim Weltcup-Super-G in Kvitfjell eine dramatische Wende. Jeder, der sich nur halbwegs für Sport interessierte, fieberte in den Tagen danach mit Ihrem Schicksal mit. Aber auch jetzt, nach so langer Zeit, sind Sie noch immer in aller Munde. Ist das für Sie eine Überraschung?

Lanzinger: Mit so einer Anteilnahme, mit so einer Hilfe habe ich nicht gerechnet. Nach meiner körperlichen Gesundung bekam ich die Angebote von ORF und der Kronen-Zeitung zu einer dauerhaften Mitarbeit. Das ist eine reizvolle Aufgabe. Mindestens gleich wichtig ist mir aber mein Wirtschaftsstudium mit Blickrichtung Sport- und Eventmanagement.

„D“: Verspürten Sie nach Ihrem Unfall nie den Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden?

Lanzinger: Zum Teil. Der Rummel war schon sehr groß, aber es war irgendwie ein Selbstläufer. Andererseits habe ich nie etwas für andere gemacht, sondern auf mich und vor allem auf meine Freundin Eva geschaut. Sie ist meine wichtigste Bezugsperson, sie war gemeinsam mit meiner Familie der wichtigste Mensch in der schweren Zeit. Dass wir von Beginn an an die Öffentlichkeit traten, war reiner Selbstschutz. So ersparten wir uns Spekulationen oder eine unangenehme Hetzjagd.

„D“: Hat Sie die öffentliche Anteilnahme nie gestört?

Lanzinger: Anfangs habe ich das mediale Echo gar nicht richtig mitbekommen. Ich war voll auf meine Rehabilitation konzentriert. Mein Wunsch war es, wieder gesund zu werden. Ich muss sagen, dass ich immer fair behandelt wurde. Es wurden nie Grenzen überschritten.

„D“: Es wurde immer berichtet, wie gut Sie mit Ihrem Schicksal umgehen können, wie erstaunlich gefasst Sie das Erlebte verarbeiten. War das wirklich so?

Lanzinger: Es gibt natürlich Phasen, wo ein jeder, dem so etwas zustößt, glaubt, alleine auf der Welt zu sein. Aber wir sind nicht allein. Wir sind umgeben von Freunden, von Helfern, von Menschen, die einem unendlich viel Mut zu sprechen. Und in der Reha in Bad Häring habe ich gesehen, wie gut ich dran bin im Gegensatz zu vielen anderen. Ich kann nur sagen: „Mein Leben ist mehr als lebenswert.“
Ich kann alles wieder machen, kann Motorradfahren, kann Skifahren, kann alles tun, was mir Spaß macht. Natürlich – ich kann meinen Beruf als Skirennläufer nicht mehr ausüben. Aber ich bin immer der gleiche Mensch geblieben, auch jetzt, nach dem Unfall.

„D“: Wenn Sie Fanpost bekommen: Was schreiben Ihnen da die Leute?

Lanzinger: Viele sehen mich als Vorbild. Dabei frage ich mich: Ich soll ein Vorbild sein? Ein Vorbild ist für mich ein dreifacher Familienvater, der
vom Dach fällt, querschnittgelähmt ist und trotzdem sein Schicksal meistert. Für mich hätte die Sache mit dem Sturz in Kvitfjell besser, aber auch schlechter ausgehen können. „Wenn mich jemand um Rat fragt, dann gebe ich ihnen eines mit: Sie sollen auf die wirklich wichtigen Dinge des Lebens schauen.“ Ich meine damit die Familie, die Freunde, das Leben jener Leute, die einem wichtig sind. Für sie da zu sein, ist das Wichtigste. Wenn ich heute oder morgen eine Golfpartie mit einem Geschäftsfreund sausen lasse, dann bricht die Welt nicht zusammen.

„D“: Das klingt logisch, ist in unserer schnelllebigen, hektischen Zeit aber nicht unbedingt so…

Lanzinger: Man sollte nicht schauen, was man nicht hat. Jeder von uns sollte das hegen und pflegen, was er hat. Ich habe in meinem Sportlerleben nichts Großartiges geleistet. Ich war kein Ausnahmetalent wie andere. Ich habe immer hart trainiert, hart für meinen Beruf als Skirennläufer gearbeitet. Was unter dem Strich herausgekommen ist, war für mich okay. Ich war damals der Matthias, und ich bin jetzt der gleiche Matthias Lanzinger.

„D“:Ihre berufliche Zukunft scheint gesichert. Sie sind beim ORF, Sie schreiben für die Kronenzeitung, Sie arbeiten mit Ihren ehemaligen Sponsoren und Ausrüstern zusammen. Ist es das, was Sie wollen?

Lanzinger: Nach meinem Unfall hatte ich mit dem alpinen Weltcupzirkus abgeschlossen. Dass ich jetzt die Möglichkeit habe, beim Fernsehen
und bei der Zeitung zu arbeiten, hat sich so ergeben. Dafür bin ich ihnen auch dankbar. Nach dem Abschluss meines Studiums möchte ich bei meiner ehemaligen Skifirma Salomon einsteigen. Wenn es passt, ist es okay. Wenn nicht, dann geht es auch in Ordnung.
Mir ist vor der Zukunft nicht bange.

„D“: Wäre für Sie eine Karriere als Skitrainer nicht vorstellbar?

Lanzinger: Zur Zeit nicht. Ich bin in einer Findungsphase, lasse alles auf mich zukommen. Aber als Nachwuchstrainer könnte ich mir eine Tätigkeit
schon einmal vorstellen. Es hat schon seinen Reiz, mit jungen Athleten zusammen zu arbeiten. Ich glaube, ich hätte einen guten Draht und könnte ihnen einiges vermitteln. „Ich war nie das Megatalent, sondern
habe mir alles mit harter Arbeit erkämpft.“

„D“: Können Sie sich eine Karriere als Behindertenskiläufer vorstellen?

Lanzinger: Diese Frage habe ich mir schon öfters gestellt. Ich habe mit 13 Jahren begonnen, mein ganzes Leben auf die Karriere als Skirennläufer auszurichten und danach gelebt. Zur Zeit habe ich dieses Bedürfnis nicht. Der Behindertensport ist derart professionell geworden, dass es keinen Sinn macht, ihn nur „nebenher“ zu betreiben. Das sind alles Vollprofis. Vielleicht vermisse ich eines Tages wieder meine langjährigen Abläufe mit Training und Rennen. Aber vorerst genieße ich einfach jeden Tag, den ich mit meiner Freundin Eva und mit meiner
Familie verbringen kann.

„D“: Dennoch haben Sie einen exzellenten Eindruck hinterlassen, als Sie heuer über die Streif in Kitzbühel heruntergewedelt sind…

Lanzinger: Das ist etwas anderes, als Behindertenskirennen zu
bestreiten.Ich habe noch immer Probleme mit meinem Beinstumpf. Wenn ich länger Ski fahre oder auch nur drei Stunden wandere oder spazieren gehe, dann entzündet sich die Haut, dann spüre ich die Nervenenden. Ich bin gesundheitlich bei weitem noch nicht so „fit“, wie man meinen möchte.

„D“: Sie waren in Kitzbühel, später sogar auf der Unfallpiste in Kvitfjell. Warum haben Sie das gemacht?

Lanzinger: Ich habe das für mich getan. Ich will mich später nie fragen, warum hast du das und das nicht getan. In Kvitfjell war es schon etwas Besonderes, an der Unfallstelle zu stehen. Mir sind dort die Erinnerungen ähnlich hochgekommen wie jetzt in Meran. Ich habe ja hier als Bub den Urlaub mit meinen Eltern verbracht, und viele Orte und Erlebnisse sind mir wieder in den Kopf gekommen. Das war auch in Kvitfjell der Fall. Die Eindrücke waren sehr intensiv. Die Momente, als ich im Schnee lag, der Sturz, das waren schon intensive Momente.

„D“: Erinnern Sie sich noch immer an die Minuten nach dem Sturz, an die unmittelbaren Momente danach?

Lanzinger: Ja, vernebelt zwar, aber ich erinnere mich. Ich weiß noch, wie ich dort lag. Ich empfand keinen Schmerz. Ich hatte den Kopf bei meiner Freundin, wollte eigentlich nur nach Hause.

„D“: Derzeit läuft eine Schadenersatzklage gegen die FIS und die Weltcupverantwortlichen vor Ort. Wie ist der Stand?

Lanzinger: Das wird sich noch eine Weile hinziehen. Ich will mit diesem Prozess nur aufzeigen, wo es in der Rettungskette gehapert hat. Es geht darum, in Zukunft diese Kette noch fester, noch reißfester zu machen. Die Standards müssen verbessert werden, damit dies keinem weiteren Skirennläufer passiert. Was in finanzieller Hinsicht für mich herausschaut, ist nicht das Wichtigste.

© Dolomiten 2009, Interview: Andreas Vieider