Matthias Lanzinger im Interview über sein Comeback im Rennsport, die Aufarbeitung seines Unfalls und die Scheinwelt Spitzensport.

Autor: Christoph Geiler

Nachwuchsfahrer. Matthias Lanzinger, 31, ist jetzt also tatsächlich unter die Nachwuchsfahrer gegangen. So werden Neulinge und Quereinsteiger im Behindertenskisport genannt.
Dreieinhalb Jahre nach seinem Unfall, infolge dessen ihm der linke Unterschenkel amputiert werden musste, macht sich der Salzburger olympische Gedanken. Lanzinger will 2014 bei den Paralympics in Sotschi starten. Nächste Woche steht er bei den Behindertenrennen in Kühtai auf der Piste. Mit großen Ambitionen, Demut und Lebensfreude. “Ich muss nicht Ski fahren, ich darf und kann es tun. Das ist ein Privileg.”

KURIER: Herr Lanzinger, verspüren Sie bei Ihrer zweiten Rennkarriere ein Kribbeln?
Matthias Lanzinger: Das Kribbeln ist immer da. Wobei ich zugeben muss, dass ich im Moment nicht so auf Platzierungen schaue. Was ich brauche sind Trainingstage, und ich suche auch noch die perfekte Abstimmung für Ski und Prothese.

Wie muss man sich das genau vorstellen?
Es gibt in diesem Bereich kaum Erfahrungswerte. Da geht’s um Dinge wie: Welchen Skityp fahre ich, welche Taillierung? Ski fahren mit Prothese funktioniert nur, wenn alles perfekt angepasst und eingestellt ist. Weil ich unten keine Möglichkeit, kein Gefühl habe, das selbst zu korrigieren. Es hat ewig gedauert, bis ich richtig ins Trainieren gekommen bin. Keine Ahnung, wie oft wir den Spezialschuh auseinandergeschraubt haben.

Was haben Sie überhaupt für eine Beziehung zu Ihrer Prothese?
Für mich war das von Anfang an das Wichtigste. Wie ich in der Therapie in Bad Häring gesehen habe, dass die Prothese passt, da war das für mich ein wunderschöner Moment.

Ein wunderschöner Moment?
Natürlich. Weil eben diese Prothese mir die Möglichkeit gibt, mir mein Leben selbst zu gestalten. Ohne Prothese wäre ich völlig aufgeschmissen und auf andere angewiesen. Das muss man so sagen.

Stichwort Lebensqualität?
90 Prozent meiner Lebensqualität, die ich jetzt habe, verdanke ich meiner Prothese. Deshalb sollte sie auch möglichst gut sitzen und schmerzfrei sein. Das war für mich jetzt auch das größte Fragezeichen: Wie viel Training erlaubt mir mein Stumpf, vor allem: wie verkrafte ich das? Ich hätte sicher nicht rennmäßig mit dem Skifahren angefangen, wenn sich meine Lebensqualität verringert hätte. Es war wichtig, dass ich mir Zeit gelassen habe: Selbst wenn ich schon nach dem Unfall Gedanken gehabt hätte, wieder Rennen zu fahren, es hätte nicht geklappt.

Weil Sie Sich erst im Alltag zurechtfinden mussten?
Weil es mein Stumpf nicht ausgehalten hätte. Der Stumpf hat erst jetzt eine endgültige Form angenommen, er ist in den letzten Jahren noch geschrumpft. Daher musste die Prothese immer wieder neu angepasst werden. Allein deshalb hätte es wenig Sinn gemacht.

Sie haben Ihren Stumpf angesprochen. Ist es Ihnen schwergefallen, sich mit Ihrem Bein anzufreunden?
Überhaupt nicht. Ich habe den Stumpf von Anfang an angeschaut, ich wollte ihn sehen, wollte ihn angreifen. Ich habe mich auch schon früh selbst verbunden.

Ist das normal?
Die Ärzte haben gemeint, dass es bei mir sehr schnell gegangen ist. Viele wollen den Fuß nicht anschauen, wollen es nicht akzeptieren. Ich hab’s gemacht, weil mir klar war: `Hey, du musst jetzt damit zurechtkommen, und zwar dein restliches Leben. Es gibt keine Alternative.` Ich kann nur dann ein normales Leben führen, wenn mein Stumpf gut heilt. Mir war bewusst: Prothese und Stumpf – das sind nicht meine Feinde. Sie ermöglichen mir meine Lebensqualität.

Sie haben tatsächlich dermaßen nüchtern die Lage gesehen? Gab es keine Wut?
So was wie Wut habe ich eigentlich nie verspürt. Aber das hat mich der Leistungssport gelehrt: Da lernst du, dass es immer Veränderungen gibt, dass du mit Rückschlägen umgehen musst.

Aber eine Amputation ist ein anderer Rückschlag als etwa ein Kreuzbandriss.
Der Unfall war natürlich ein großer Einschnitt. Aber ich habe auch gewusst: Mit der richtigen Einstellung kannst du aus deinem Leben viel machen und eine positive Zukunft gestalten. Dann kriege ich meine Unabhängigkeit, meine Eigenständigkeit zurück. So bin ich herangegangen. Ich habe eher die positiven Seiten gesehen.

Was verstehen Sie unter positiven Seiten?
Man kann ja immer zwei Zugänge haben. Ich zum Beispiel habe nie geschaut: `Was habe ich jetzt verloren, was ist mir durch den Unfall alles entgangen, was kann ich jetzt nicht mehr tun?` Ich hatte nur im Kopf: `Was geht alles noch?` Motorradfahren? Das funktioniert – super. Radfahren geht auch, Skitouren. Das war eine wichtige Herangehensweise.

Und es gab nie ein Tief?
Ich hätte nie ein Problem gehabt, zuzugeben, wenn es mir schlecht geht. Ich habe mir immer Ziele gesetzt, war immer beschäftigt. Erst die körperliche Sache, dann das Studium, der Hausbau. Ich habe angefangen, meine Zukunft zu planen. Dabei hat mir sicher eines geholfen: Dass ich mich nie über den Sport definiert habe.

War das vor Ihrem Unfall auch schon so?
Schon damals. Es gibt genug Sportler, die das Problem haben, dass sie sich nur über Ergebnisse definieren. Athleten, für die der Sport alles ist. Wenn sie dann aufhören, fallen sie in ein Loch, weil die Definition ihres Lebens wegbricht – und damit auch das Selbstwertgefühl. Aber: Abseits vom Sport gibt es ein Leben – und das ist das richtige Leben. Denn eines muss auch allen klar sein.

Was?
Der Sport ist eine Scheinwelt. Das Blitzlichtgewitter ist kurz einmal da, aber der Skisport ist nicht das ganze Leben. Bei mir war der Abschnitt halt früher vorbei.

War die Bewältigung Ihres Schicksalsschlages mehr eine körperliche oder doch eine mentale Herausforderung?
Sicher zu 90 Prozent eine mentale Aufarbeitung. Die läuft aber parallel zur körperlichen Genesung. Wenn man die Behinderung nicht akzeptiert, dann spielt der Körper auch nicht mit. In der Phase hilft das enge Umfeld, Leute wie meine Frau: Denen war wurscht, was ich tu, für die ist immer der Mensch im Vordergrund gestanden. Das ist gut in einer Scheinwelt, in der man von Schulterklopfern umgeben ist.
Sie waren auch noch einmal auf der Strecke in Kvitfjell? Wieso sind Sie an den Ort zurückgekehrt, an dem sich Ihr Leben verändert hat?
Auch aus Selbstschutz. Ich hatte jetzt nicht den Drang: `Ich muss da unbedingt hinauf.` Aber damals waren halt die Rennen, es waren die gleichen Rahmenbedingungen wie bei meinem Sturz. Wie ich dort gestanden bin, war es, als wäre der Unfall gestern gewesen. Ich hatte den Lauf im Kopf, alles war präsent, da sind Emotionen, Erinnerungen hochgekommen, die man aus der Distanz aus Österreich nicht erlebt. Nicht erleben kann.

Wie ist es Ihnen ergangen?
Es war sehr emotional. Ich bin jedenfalls froh, dass ich es gemacht habe. Und wissen Sie, was das Schöne war?

Verraten Sie`s.
Es sind auch da niemals Gefühle wie Wut oder negative Gedanken aufgekommen. Wie ich dort unten gelegen bin, war mir klar, dass was Schlimmes passiert ist. Damals hatte ich nur den Wunsch: `Ich will wieder gesund heim zur Familie.‘ Bei der Rückkehr nach Norwegen habe ich mir gesagt: `Du bist ja gesund, du bist ja nicht krank.` Okay, ich hab’ eine Einschränkung, aber ich kann runterfahren. Also hab’ ich genau das, was ich mir damals gewünscht habe.

Erst der Unfall hat Sie richtig berühmt gemacht. Finden Sie das irgendwie pervers?
Perversität würde ich das nicht nennen. Besondere Momente bleiben nun einmal anders haften als daily business. Es gibt jedes Wochenende drei Rennen, immer andere Sieger. Das geht Richtung Alltag. So wie’s bei mir war oder beim Hans Grugger, das sind einschneidende Geschichten, bei denen die Leute mitzittern. Dadurch habe ich eine gewisse Bekanntheit bekommen. Aber ich bin deshalb kein anderer Mensch geworden, es ist nur meine Lebenseinstellung öffentlich mehr kommuniziert worden.

Sie werden als Vorbild hingestellt, wie man sein Schicksal meistern kann.
Ich habe gemerkt, dass sich Leute, die viel schwerere Schicksalsschläge hatten, von meiner Herangehensweise angesprochen fühlen. Nämlich nicht in der Vergangenheit zu schwelgen, sondern die Gegenwart zu akzeptieren. Aber das war mein Weg, das war meine Art damit umzugehen. Es wäre falsch, den Weg zu kopieren. Vielleicht brauchen manche mehr Zeit, vielleicht müssen manche erst in ein Loch fallen, um zu sehen, dass es da unten finster ist und es ein anderes Leben gibt, ein lebenswertes Leben. Deshalb sollte man mit dem Begriff Vorbild vorsichtig umgehen.

Apropos Begriff: Sie reden davon, Sie hätten sich ein neues Standbein geschaffen, würden mit beiden Beinen im Leben stehen. Sind diese Worte absichtlich gewählt?
Habe ich? Das ist mir gar nicht aufgefallen. Diese Bezeichnungen habe ich wohl von den Rollstuhl-Fahrern übernommen. Bei unseren Abendessen im Behindertenteam sollte man als Außenstehender manchmal besser nicht genau zuhören. Weil es da teilweise ziemlich makaber zugeht.

Wie makaber finden Sie es, wenn hierzulande von Krise und Katastrophe die Rede ist, wenn Skierfolge ausbleiben?
Kritik gehört zum Business. Wenn du in der Zeitung liest, dass du scheiße gefahren bist, dann musst du damit umgehen. Es gibt genug Kollegen, die trauen sich nicht mehr auf die Straße, wenn sie einen Schrott gefahren sind. Aus der Distanz sage ich heute: Seien wir doch froh, dass die Leute Anteil nehmen an diesem Sport. Denn eines sollte auch allen klar sein: Ein Skifahrer produziert ja nichts, wir verkaufen nur unseren Sport. Und der wird dann durch die Öffentlichkeit und Sponsoren multipliziert.

Mitunter zu viel? Stichwort Kitzbühel?
In Kitzbühel ist es Jahr für Jahr das gleiche Thema: Da wird kritisiert, dass das Rundherum die Rennen überstrahlt. Nur: Wir Sportler leben von dem Ganzen. Man redet über Kitzbühel, und es geht über den Sportbegeisterten hinaus. Darum braucht es auch Typen für den Skisport. Nehmen wir Hermann Maier: Selbst Leute, die nicht wissen, wie ein Paar Skier aussieht, kennen Hermann Maier.

Matthias Lanzinger im Interview über sein Comeback im Rennsport, die Aufarbeitung seines Unfalls und die Scheinwelt Spitzensport.

Autor: Christoph Geiler

Nachwuchsfahrer. Matthias Lanzinger, 31, ist jetzt also tatsächlich unter die Nachwuchsfahrer gegangen. So werden Neulinge und Quereinsteiger im Behindertenskisport genannt.
Dreieinhalb Jahre nach seinem Unfall, infolge dessen ihm der linke Unterschenkel amputiert werden musste, macht sich der Salzburger olympische Gedanken. Lanzinger will 2014 bei den Paralympics in Sotschi starten. Nächste Woche steht er bei den Behindertenrennen in Kühtai auf der Piste. Mit großen Ambitionen, Demut und Lebensfreude. “Ich muss nicht Ski fahren, ich darf und kann es tun. Das ist ein Privileg.”

KURIER: Herr Lanzinger, verspüren Sie bei Ihrer zweiten Rennkarriere ein Kribbeln?
Matthias Lanzinger: Das Kribbeln ist immer da. Wobei ich zugeben muss, dass ich im Moment nicht so auf Platzierungen schaue. Was ich brauche sind Trainingstage, und ich suche auch noch die perfekte Abstimmung für Ski und Prothese.

Wie muss man sich das genau vorstellen?
Es gibt in diesem Bereich kaum Erfahrungswerte. Da geht’s um Dinge wie: Welchen Skityp fahre ich, welche Taillierung? Ski fahren mit Prothese funktioniert nur, wenn alles perfekt angepasst und eingestellt ist. Weil ich unten keine Möglichkeit, kein Gefühl habe, das selbst zu korrigieren. Es hat ewig gedauert, bis ich richtig ins Trainieren gekommen bin. Keine Ahnung, wie oft wir den Spezialschuh auseinandergeschraubt haben.

Was haben Sie überhaupt für eine Beziehung zu Ihrer Prothese?
Für mich war das von Anfang an das Wichtigste. Wie ich in der Therapie in Bad Häring gesehen habe, dass die Prothese passt, da war das für mich ein wunderschöner Moment.

Ein wunderschöner Moment?
Natürlich. Weil eben diese Prothese mir die Möglichkeit gibt, mir mein Leben selbst zu gestalten. Ohne Prothese wäre ich völlig aufgeschmissen und auf andere angewiesen. Das muss man so sagen.

Stichwort Lebensqualität?
90 Prozent meiner Lebensqualität, die ich jetzt habe, verdanke ich meiner Prothese. Deshalb sollte sie auch möglichst gut sitzen und schmerzfrei sein. Das war für mich jetzt auch das größte Fragezeichen: Wie viel Training erlaubt mir mein Stumpf, vor allem: wie verkrafte ich das? Ich hätte sicher nicht rennmäßig mit dem Skifahren angefangen, wenn sich meine Lebensqualität verringert hätte. Es war wichtig, dass ich mir Zeit gelassen habe: Selbst wenn ich schon nach dem Unfall Gedanken gehabt hätte, wieder Rennen zu fahren, es hätte nicht geklappt.

Weil Sie Sich erst im Alltag zurechtfinden mussten?
Weil es mein Stumpf nicht ausgehalten hätte. Der Stumpf hat erst jetzt eine endgültige Form angenommen, er ist in den letzten Jahren noch geschrumpft. Daher musste die Prothese immer wieder neu angepasst werden. Allein deshalb hätte es wenig Sinn gemacht.

Sie haben Ihren Stumpf angesprochen. Ist es Ihnen schwergefallen, sich mit Ihrem Bein anzufreunden?
Überhaupt nicht. Ich habe den Stumpf von Anfang an angeschaut, ich wollte ihn sehen, wollte ihn angreifen. Ich habe mich auch schon früh selbst verbunden.

Ist das normal?
Die Ärzte haben gemeint, dass es bei mir sehr schnell gegangen ist. Viele wollen den Fuß nicht anschauen, wollen es nicht akzeptieren. Ich hab’s gemacht, weil mir klar war: `Hey, du musst jetzt damit zurechtkommen, und zwar dein restliches Leben. Es gibt keine Alternative.` Ich kann nur dann ein normales Leben führen, wenn mein Stumpf gut heilt. Mir war bewusst: Prothese und Stumpf – das sind nicht meine Feinde. Sie ermöglichen mir meine Lebensqualität.

Sie haben tatsächlich dermaßen nüchtern die Lage gesehen? Gab es keine Wut?
So was wie Wut habe ich eigentlich nie verspürt. Aber das hat mich der Leistungssport gelehrt: Da lernst du, dass es immer Veränderungen gibt, dass du mit Rückschlägen umgehen musst.

Aber eine Amputation ist ein anderer Rückschlag als etwa ein Kreuzbandriss.
Der Unfall war natürlich ein großer Einschnitt. Aber ich habe auch gewusst: Mit der richtigen Einstellung kannst du aus deinem Leben viel machen und eine positive Zukunft gestalten. Dann kriege ich meine Unabhängigkeit, meine Eigenständigkeit zurück. So bin ich herangegangen. Ich habe eher die positiven Seiten gesehen.

Was verstehen Sie unter positiven Seiten?
Man kann ja immer zwei Zugänge haben. Ich zum Beispiel habe nie geschaut: `Was habe ich jetzt verloren, was ist mir durch den Unfall alles entgangen, was kann ich jetzt nicht mehr tun?` Ich hatte nur im Kopf: `Was geht alles noch?` Motorradfahren? Das funktioniert – super. Radfahren geht auch, Skitouren. Das war eine wichtige Herangehensweise.

Und es gab nie ein Tief?
Ich hätte nie ein Problem gehabt, zuzugeben, wenn es mir schlecht geht. Ich habe mir immer Ziele gesetzt, war immer beschäftigt. Erst die körperliche Sache, dann das Studium, der Hausbau. Ich habe angefangen, meine Zukunft zu planen. Dabei hat mir sicher eines geholfen: Dass ich mich nie über den Sport definiert habe.

War das vor Ihrem Unfall auch schon so?
Schon damals. Es gibt genug Sportler, die das Problem haben, dass sie sich nur über Ergebnisse definieren. Athleten, für die der Sport alles ist. Wenn sie dann aufhören, fallen sie in ein Loch, weil die Definition ihres Lebens wegbricht – und damit auch das Selbstwertgefühl. Aber: Abseits vom Sport gibt es ein Leben – und das ist das richtige Leben. Denn eines muss auch allen klar sein.

Was?
Der Sport ist eine Scheinwelt. Das Blitzlichtgewitter ist kurz einmal da, aber der Skisport ist nicht das ganze Leben. Bei mir war der Abschnitt halt früher vorbei.

War die Bewältigung Ihres Schicksalsschlages mehr eine körperliche oder doch eine mentale Herausforderung?
Sicher zu 90 Prozent eine mentale Aufarbeitung. Die läuft aber parallel zur körperlichen Genesung. Wenn man die Behinderung nicht akzeptiert, dann spielt der Körper auch nicht mit. In der Phase hilft das enge Umfeld, Leute wie meine Frau: Denen war wurscht, was ich tu, für die ist immer der Mensch im Vordergrund gestanden. Das ist gut in einer Scheinwelt, in der man von Schulterklopfern umgeben ist.
Sie waren auch noch einmal auf der Strecke in Kvitfjell? Wieso sind Sie an den Ort zurückgekehrt, an dem sich Ihr Leben verändert hat?
Auch aus Selbstschutz. Ich hatte jetzt nicht den Drang: `Ich muss da unbedingt hinauf.` Aber damals waren halt die Rennen, es waren die gleichen Rahmenbedingungen wie bei meinem Sturz. Wie ich dort gestanden bin, war es, als wäre der Unfall gestern gewesen. Ich hatte den Lauf im Kopf, alles war präsent, da sind Emotionen, Erinnerungen hochgekommen, die man aus der Distanz aus Österreich nicht erlebt. Nicht erleben kann.

Wie ist es Ihnen ergangen?
Es war sehr emotional. Ich bin jedenfalls froh, dass ich es gemacht habe. Und wissen Sie, was das Schöne war?

Verraten Sie`s.
Es sind auch da niemals Gefühle wie Wut oder negative Gedanken aufgekommen. Wie ich dort unten gelegen bin, war mir klar, dass was Schlimmes passiert ist. Damals hatte ich nur den Wunsch: `Ich will wieder gesund heim zur Familie.‘ Bei der Rückkehr nach Norwegen habe ich mir gesagt: `Du bist ja gesund, du bist ja nicht krank.` Okay, ich hab’ eine Einschränkung, aber ich kann runterfahren. Also hab’ ich genau das, was ich mir damals gewünscht habe.

Erst der Unfall hat Sie richtig berühmt gemacht. Finden Sie das irgendwie pervers?
Perversität würde ich das nicht nennen. Besondere Momente bleiben nun einmal anders haften als daily business. Es gibt jedes Wochenende drei Rennen, immer andere Sieger. Das geht Richtung Alltag. So wie’s bei mir war oder beim Hans Grugger, das sind einschneidende Geschichten, bei denen die Leute mitzittern. Dadurch habe ich eine gewisse Bekanntheit bekommen. Aber ich bin deshalb kein anderer Mensch geworden, es ist nur meine Lebenseinstellung öffentlich mehr kommuniziert worden.

Sie werden als Vorbild hingestellt, wie man sein Schicksal meistern kann.
Ich habe gemerkt, dass sich Leute, die viel schwerere Schicksalsschläge hatten, von meiner Herangehensweise angesprochen fühlen. Nämlich nicht in der Vergangenheit zu schwelgen, sondern die Gegenwart zu akzeptieren. Aber das war mein Weg, das war meine Art damit umzugehen. Es wäre falsch, den Weg zu kopieren. Vielleicht brauchen manche mehr Zeit, vielleicht müssen manche erst in ein Loch fallen, um zu sehen, dass es da unten finster ist und es ein anderes Leben gibt, ein lebenswertes Leben. Deshalb sollte man mit dem Begriff Vorbild vorsichtig umgehen.

Apropos Begriff: Sie reden davon, Sie hätten sich ein neues Standbein geschaffen, würden mit beiden Beinen im Leben stehen. Sind diese Worte absichtlich gewählt?
Habe ich? Das ist mir gar nicht aufgefallen. Diese Bezeichnungen habe ich wohl von den Rollstuhl-Fahrern übernommen. Bei unseren Abendessen im Behindertenteam sollte man als Außenstehender manchmal besser nicht genau zuhören. Weil es da teilweise ziemlich makaber zugeht.

Wie makaber finden Sie es, wenn hierzulande von Krise und Katastrophe die Rede ist, wenn Skierfolge ausbleiben?
Kritik gehört zum Business. Wenn du in der Zeitung liest, dass du scheiße gefahren bist, dann musst du damit umgehen. Es gibt genug Kollegen, die trauen sich nicht mehr auf die Straße, wenn sie einen Schrott gefahren sind. Aus der Distanz sage ich heute: Seien wir doch froh, dass die Leute Anteil nehmen an diesem Sport. Denn eines sollte auch allen klar sein: Ein Skifahrer produziert ja nichts, wir verkaufen nur unseren Sport. Und der wird dann durch die Öffentlichkeit und Sponsoren multipliziert.

Mitunter zu viel? Stichwort Kitzbühel?
In Kitzbühel ist es Jahr für Jahr das gleiche Thema: Da wird kritisiert, dass das Rundherum die Rennen überstrahlt. Nur: Wir Sportler leben von dem Ganzen. Man redet über Kitzbühel, und es geht über den Sportbegeisterten hinaus. Darum braucht es auch Typen für den Skisport. Nehmen wir Hermann Maier: Selbst Leute, die nicht wissen, wie ein Paar Skier aussieht, kennen Hermann Maier.