Matthias Lanzinger über die “zweite Chance”

Hallo Matthias. Nachdem du für eine längere Zeit häufiger Thema in den Medien warst, ist es ein bisschen ruhiger um deine Person geworden. Besser so?

Es ist schon angenehmer, wenn man nicht auf Schritt und Tritt beobachtet wird. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch so: Ich war Profi und da gehört das zu dem ganzen dazu. Das hat es mir auch ermöglicht, dass ich mein Hobby als Beruf ausüben konnte. Von da her hat es mich nicht so gestört. Außerdem kann ich so auch jetzt wieder meinen Sport sehr professionell ausüben. Meine Sponsoren sind mir geblieben und mein Job ermöglicht mir, Rennen zu fahren.

In früheren Interviews hast du gesagt, dass dich das Rennfahren im Moment nicht reizt. Was hat deine Meinung beeinflusst?

Direkt nach dem Unfall war es ganz wichtig, den Fokus weg vom Sport zu nehmen. Ich habe mich zuerst einmal auf den Beruf und die Uni, also die Karriere danach, konzentriert. Der Zugang zum Sport ist jetzt ein ganz anderer, weil ich weiß, wie mein Weg danach aussieht. Ich bin ja jetzt im Berufsleben und kann den Sport machen, „muss“ es aber nicht. Viel früher hätte ich aufgrund der Belastung des Beins allerdings auch gar nicht wieder einsteigen können. Eines wusste ich aber schon von Anfang an: wenn ich wieder fahren sollte, dann richtig!

Ist die Genesung zu 100% abgeschlossen?

Noch nicht ganz. Beim Training findet immer noch ein Anpassungsprozess statt. Ich merke die Belastung bei den Skitagen schon immer noch. Da ist sicher noch Verbesserungspotenzial drinnen.

Die zweite Karriere entwickelt sich ja sehr gut. Einige Siege stehen auch schon auf der Liste. Wo willst du hin im Behindertensport?

Mein „Projekt“, wenn man so will, ist die Teilanhme bei den Paralympics 2014 in Sotchi. Wenn ich dabei bin ist natürlich eine Medaille mein Ziel. Aber ich bin jetzt auch nicht nur auf den Erfolg aus. Mir ist sehr wichtig wie ich dorthin komme. Ich will einfach wieder mein Leistungsmaximum abrufen können. Wenn ich das schaffe, kann ich auch vorne mitfahren.

Wie siehst du die Entwicklung? Geht dir noch etwas ab?

Auf alle Fälle. Die Konkurrenz ist sehr stark. Die Dichte ist vielleicht nicht so extrem wie im Weltcup, aber die vordere Spitze besteht auch aus Profis. Ich habe außerdem noch Probleme mit dem Trainingsumfang. Mein Stumpf hat immer wieder Entzündungen, was mich in der Trainingsvorbereitung natürlich ein bisschen zurückwirft. Der Kopf denkt teilweise immer noch wie früher, aber der Körper ist nun einmal anders. Da muss man auch erst ein Gefühl dafür kriegen, wie weit man gehen kann.

Du musstest dich umstellen, um mit der Prothese fahren zu können. Wie kann man sich das Vorstellen? Ist der Schwung komplett anders?

Es ist ganz anders zu fahren. Man muss sich das ungefähr so vorstellen, als hätte man einen komplett eingeschlafenen Fuß. Man hat einfach kein Gefühl dafür, was der Ski macht. Der Schwung, den ich früher gefahren bin, funktioniert einfach nicht mehr. Man muss einfach versuchen die Umstellung so gut wie möglich hinzukriegen.

Aktuell stehst du ja mitten im Training. Welche Unterschiede gibt’s hier im Vergleich zu früher?

Generell eher wenig. Es sind vor allem die Trainingsumfänge, die sich geändert haben. Ich arbeite jetzt eher kurz, dafür sehr intensiv. Das gibt dem Stumpf auch genügend Regenerationszeit. Vorher waren es schon sehr hohe Umfänge, von der Zeit her.

Wo liegen die größten Unterschiede zwischen der Skiwelt des Behindertensports jener des FIS-Weltcups?

Bis zum Weltcup sind eigentlich gar nicht so viele Unterschiede. Organisation und Piste ähneln sich im Europacup sehr. Wir fahren ja auch sehr viele Strecken, die ich schon im Europacup gefahren bin. Beim Weltcup ist es natürlich ein riesiger Sprung. Zuschaueranzahl und Streckenbeschaffenheit sind nicht vergleichbar. Das schöne am Behindertensport ist aber, dass es wirklich nur um den Sport geht und nicht um das „Drumherum“. Man kommt hin, jeder fährt sein Rennen und das wars. Bei uns verdienen die wenigsten Geld, sondern investieren sogar. Der Ansatz ist einfach ein anderer.

Merkst du das auch in der Gemeinschaft?

Ja, sicherlich. Wir müssen noch mehr zusammen halten. Das ganze Umfeld ist auch anders. Man muss seine Ausrüstung selber zusammensuchen und die Trainingsmöglichkeiten großteils selber organisieren. Das sind alles Dinge, die komplett anders sind als im Weltcup.

Wenn du Topform erreichst, wie nahe kommst du an Zeiten vor dem Unfall heran?

Das ist von der Zeit her schwer einzuschätzen. Da gibt es auch große Unterschiede bei der Beschaffenheit des Hanges. Bei einem normalen Trainingshang würde sich das vielleicht sogar in Grenzen halten. Auf einem richtigen Weltcuphang mit Präparierung ist das schon etwas anderes. Ich könnte einfach den Ski nicht so „setzen“ wie früher.

Sprechen wir kurz über den Unfall in Kvitfjell 2008. Was hast du dir gedacht, als du nach der OP dein Bein das erste Mal gesehen hast?

Es war ein extrem ungewohnter Anblick, als ich aus dem Tiefschlaf erwacht bin. Ich habe aber gleich das Positive gesehen. Für mich war es in dem Augenblick sogar eine Erleichterung, weil ich mir anfangs dachte, ich sei Querschnittsgelähmt, da ich meine Beine nicht spürte. Natürlich wusste ich auch, dass mein Leben wie es bisher war, vorbei ist. Das war schon niederschmetternd. Relativ schnell wurde mir aber klar, dass ich die meisten Dinge trotzdem weitermachen konnte. Ein Vorteil war sicher, dass ich schon vor dem Unfall mit Behindertensportlern zu tun hatte. Der Vater von meinem besten Freund, Markus Ramsauer, war ebenfalls Unterschenkelamputiert und auch ehemaliger Skirennfahrer. Von daher wusste ich, was ich machen kann und was nicht.

Du sagst du hast das Positive gleich erkannt. Ist man aber nicht auch unglaublich zornig, wenn man darüber nachdenkt, dass es unter anderen Umständen auch besser ausgehen hätte können?

Zornig eigentlich nicht. Ich war immer ziemlich dankbar, dass es so ausgegangen ist und ich eine Chance gekriegt habe, mein Leben so gut weiterleben zu können. Ich habe auch nie damit gehadert, warum es ausgerechnet mir passiert ist. Es ändert ja an der Situation nichts. Was man ändern kann ist die Zukunft. Dafür muss man halt auch die Situation akzeptieren.

Stichwort Sicherheit: Die Ausrüstung wird besser und die Sicherheitsmaßnahmen ausgeweitet, gleichzeitig lassen sich schwere Verletzungen wie jene von dir oder Beat Feuz anscheinend nicht vermeiden. Findest du, dass der Skizirkus generell zu weit geht?

Von den Hängen her fahren wir ja seit jeher dieselben. Durch viele verschiedene Schritte ist halt alles extremer und schneller geworden: Material, Präparierung und Kunstschnee haben sich verbessert. Die Materialumstellung im Riesentorlauf (längerer, schmalerer Ski, Anm. d. Red.) ist ein Schritt in die richtige Richtung. Andererseits hat mich der Unfall vom Max Franz, der ja meinem sehr ähnlich war, sehr enttäuscht, weil man gewisse Sachen immer noch nicht in den Griff bekommen hat. Die Aussage von der FIS ‚Wir haben was für die Zukunft gelernt’ ist natürlich auch enttäuschend. Da frage ich mich dann schon, ob mein Unfall zu wenig war.

Du hast Kvitfjell nach dem Unfall ja noch mal aufgesucht. War das ein unumgänglicher Schritt zur Vergangenheitsbewältigung?

Es war zu diesem Zeitpunkt gar nicht so, dass ich sagte ich muss da unbedingt rauf. Das hat sich so ergeben. Mir war nur wichtig, dass die Bedingungen dieselben sind wie damals, wenn ich in den Hang fahre. Die Erinnerungen waren dann sehr viel stärker. Ich konnte mich plötzlich an viele Details erinnern, die ich vorher nicht abrufen konnte. Ich habe dann noch kurz in den Hang geschaut, mir klargemacht, dass mein Wunsch gesund nach Hause zu kommen in Erfüllung ging und bin wieder heimgeflogen.

Welche Rolle spielt die Prothese jetzt generell in deinem Leben?

Eine der wichtigsten! Mit ihr steht und fällt meine Lebensqualität. Das habe ich heuer im Sommer sehr eindrucksvoll vor Augen geführt bekommen. Entzündungen im Stumpf haben dazu geführt, dass ich nicht mehr in die Prothese konnte. Da fühle ich mich dann schon behindert, weil sich im Alltag Probleme ergeben.

Gibt es etwas, was du nach dem Unfall nicht mehr machen konntest und dir fehlt?

Natürlich gibt’s einige Sachen, die ich so nicht mehr machen kann. Vieles geht aber schon. Ich kann zum Beispiel eine Skitour oder auf den Berg gehen, aber halt teilweise sehr eingeschränkt und nicht sehr lange. Bergab gehen oder im Gelände fahren ist auch ziemlich schwierig. Dafür fahr ich mit dem Motorrad genau wie früher. Teilweise muss man sich ein bisschen was einfallen lassen.

Du bist nach dem Unfall relativ schnell in den Bereich bei Salomon ins Marketing eingestiegen. Liegt hier deine Zukunft?

Ja, ich denke schon, dass meine Zukunft im Sportmarketing liegt. Sportlerbetreuung würde mich sehr interessieren, weil ich einfach gerne mit Menschen zusammenarbeite. Ich möchte auch gerne meine Erfahrungen aus dem Sport miteinbringen. Für das nötige Hintergrundwissen mache ich außerdem das Sport- und Eventmanagementstudium in Salzburg.

Was genau machst du eigentlich bei Salomon?

Direkt nach dem Unfall war ich Marketing-Projekt-Manager. Ich habe Marketing-Projekte konzipiert, umgesetzt und betreut. Durch meine aktuelle Situation, in der ich ja wieder im Renneinsatz bin, mache ich eher Botschaftertätigkeiten. Da habe ich viel mit Händlern zu tun oder repräsentiere die Marke. Außerdem bin ich in die Produktentwicklung, etwa von Ski, eingebunden. Nach dem Rennsport werde ich mich wieder verstärkt Projekten zuwenden. Zum Glück hat mich Salomon bei der Sache von Anfang an unterstützt.

Job, Uni, Eigenheim, Ehefrau, Kind, Rennsport… hast du irgendwo einen Klon versteckt?

(lacht) Die Familie ist für mich das Wichtigste überhaupt. Es ist der Bereich, der mir Kraft gibt und mich nach dem Unfall am meisten unterstützt hat. Vor allem ohne meine Frau wäre ich sicher nicht der, der ich heute bin. Die Heirat, das Haus und jetzt die Tochter, das stand immer an oberster Stelle bei der Lebensplanung. Alles andere ist einfach Zeitmanagement. Besonders wichtig ist mir, dass ich nicht nur die Dinge richtig mache, sondern auch die richtigen Dinge mache.

Matthias Lanzinger über die “zweite Chance”

Hallo Matthias. Nachdem du für eine längere Zeit häufiger Thema in den Medien warst, ist es ein bisschen ruhiger um deine Person geworden. Besser so?

Es ist schon angenehmer, wenn man nicht auf Schritt und Tritt beobachtet wird. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch so: Ich war Profi und da gehört das zu dem ganzen dazu. Das hat es mir auch ermöglicht, dass ich mein Hobby als Beruf ausüben konnte. Von da her hat es mich nicht so gestört. Außerdem kann ich so auch jetzt wieder meinen Sport sehr professionell ausüben. Meine Sponsoren sind mir geblieben und mein Job ermöglicht mir, Rennen zu fahren.

In früheren Interviews hast du gesagt, dass dich das Rennfahren im Moment nicht reizt. Was hat deine Meinung beeinflusst?

Direkt nach dem Unfall war es ganz wichtig, den Fokus weg vom Sport zu nehmen. Ich habe mich zuerst einmal auf den Beruf und die Uni, also die Karriere danach, konzentriert. Der Zugang zum Sport ist jetzt ein ganz anderer, weil ich weiß, wie mein Weg danach aussieht. Ich bin ja jetzt im Berufsleben und kann den Sport machen, „muss“ es aber nicht. Viel früher hätte ich aufgrund der Belastung des Beins allerdings auch gar nicht wieder einsteigen können. Eines wusste ich aber schon von Anfang an: wenn ich wieder fahren sollte, dann richtig!

Ist die Genesung zu 100% abgeschlossen?

Noch nicht ganz. Beim Training findet immer noch ein Anpassungsprozess statt. Ich merke die Belastung bei den Skitagen schon immer noch. Da ist sicher noch Verbesserungspotenzial drinnen.

Die zweite Karriere entwickelt sich ja sehr gut. Einige Siege stehen auch schon auf der Liste. Wo willst du hin im Behindertensport?

Mein „Projekt“, wenn man so will, ist die Teilanhme bei den Paralympics 2014 in Sotchi. Wenn ich dabei bin ist natürlich eine Medaille mein Ziel. Aber ich bin jetzt auch nicht nur auf den Erfolg aus. Mir ist sehr wichtig wie ich dorthin komme. Ich will einfach wieder mein Leistungsmaximum abrufen können. Wenn ich das schaffe, kann ich auch vorne mitfahren.

Wie siehst du die Entwicklung? Geht dir noch etwas ab?

Auf alle Fälle. Die Konkurrenz ist sehr stark. Die Dichte ist vielleicht nicht so extrem wie im Weltcup, aber die vordere Spitze besteht auch aus Profis. Ich habe außerdem noch Probleme mit dem Trainingsumfang. Mein Stumpf hat immer wieder Entzündungen, was mich in der Trainingsvorbereitung natürlich ein bisschen zurückwirft. Der Kopf denkt teilweise immer noch wie früher, aber der Körper ist nun einmal anders. Da muss man auch erst ein Gefühl dafür kriegen, wie weit man gehen kann.

Du musstest dich umstellen, um mit der Prothese fahren zu können. Wie kann man sich das Vorstellen? Ist der Schwung komplett anders?

Es ist ganz anders zu fahren. Man muss sich das ungefähr so vorstellen, als hätte man einen komplett eingeschlafenen Fuß. Man hat einfach kein Gefühl dafür, was der Ski macht. Der Schwung, den ich früher gefahren bin, funktioniert einfach nicht mehr. Man muss einfach versuchen die Umstellung so gut wie möglich hinzukriegen.

Aktuell stehst du ja mitten im Training. Welche Unterschiede gibt’s hier im Vergleich zu früher?

Generell eher wenig. Es sind vor allem die Trainingsumfänge, die sich geändert haben. Ich arbeite jetzt eher kurz, dafür sehr intensiv. Das gibt dem Stumpf auch genügend Regenerationszeit. Vorher waren es schon sehr hohe Umfänge, von der Zeit her.

Wo liegen die größten Unterschiede zwischen der Skiwelt des Behindertensports jener des FIS-Weltcups?

Bis zum Weltcup sind eigentlich gar nicht so viele Unterschiede. Organisation und Piste ähneln sich im Europacup sehr. Wir fahren ja auch sehr viele Strecken, die ich schon im Europacup gefahren bin. Beim Weltcup ist es natürlich ein riesiger Sprung. Zuschaueranzahl und Streckenbeschaffenheit sind nicht vergleichbar. Das schöne am Behindertensport ist aber, dass es wirklich nur um den Sport geht und nicht um das „Drumherum“. Man kommt hin, jeder fährt sein Rennen und das wars. Bei uns verdienen die wenigsten Geld, sondern investieren sogar. Der Ansatz ist einfach ein anderer.

Merkst du das auch in der Gemeinschaft?

Ja, sicherlich. Wir müssen noch mehr zusammen halten. Das ganze Umfeld ist auch anders. Man muss seine Ausrüstung selber zusammensuchen und die Trainingsmöglichkeiten großteils selber organisieren. Das sind alles Dinge, die komplett anders sind als im Weltcup.

Wenn du Topform erreichst, wie nahe kommst du an Zeiten vor dem Unfall heran?

Das ist von der Zeit her schwer einzuschätzen. Da gibt es auch große Unterschiede bei der Beschaffenheit des Hanges. Bei einem normalen Trainingshang würde sich das vielleicht sogar in Grenzen halten. Auf einem richtigen Weltcuphang mit Präparierung ist das schon etwas anderes. Ich könnte einfach den Ski nicht so „setzen“ wie früher.

Sprechen wir kurz über den Unfall in Kvitfjell 2008. Was hast du dir gedacht, als du nach der OP dein Bein das erste Mal gesehen hast?

Es war ein extrem ungewohnter Anblick, als ich aus dem Tiefschlaf erwacht bin. Ich habe aber gleich das Positive gesehen. Für mich war es in dem Augenblick sogar eine Erleichterung, weil ich mir anfangs dachte, ich sei Querschnittsgelähmt, da ich meine Beine nicht spürte. Natürlich wusste ich auch, dass mein Leben wie es bisher war, vorbei ist. Das war schon niederschmetternd. Relativ schnell wurde mir aber klar, dass ich die meisten Dinge trotzdem weitermachen konnte. Ein Vorteil war sicher, dass ich schon vor dem Unfall mit Behindertensportlern zu tun hatte. Der Vater von meinem besten Freund, Markus Ramsauer, war ebenfalls Unterschenkelamputiert und auch ehemaliger Skirennfahrer. Von daher wusste ich, was ich machen kann und was nicht.

Du sagst du hast das Positive gleich erkannt. Ist man aber nicht auch unglaublich zornig, wenn man darüber nachdenkt, dass es unter anderen Umständen auch besser ausgehen hätte können?

Zornig eigentlich nicht. Ich war immer ziemlich dankbar, dass es so ausgegangen ist und ich eine Chance gekriegt habe, mein Leben so gut weiterleben zu können. Ich habe auch nie damit gehadert, warum es ausgerechnet mir passiert ist. Es ändert ja an der Situation nichts. Was man ändern kann ist die Zukunft. Dafür muss man halt auch die Situation akzeptieren.

Stichwort Sicherheit: Die Ausrüstung wird besser und die Sicherheitsmaßnahmen ausgeweitet, gleichzeitig lassen sich schwere Verletzungen wie jene von dir oder Beat Feuz anscheinend nicht vermeiden. Findest du, dass der Skizirkus generell zu weit geht?

Von den Hängen her fahren wir ja seit jeher dieselben. Durch viele verschiedene Schritte ist halt alles extremer und schneller geworden: Material, Präparierung und Kunstschnee haben sich verbessert. Die Materialumstellung im Riesentorlauf (längerer, schmalerer Ski, Anm. d. Red.) ist ein Schritt in die richtige Richtung. Andererseits hat mich der Unfall vom Max Franz, der ja meinem sehr ähnlich war, sehr enttäuscht, weil man gewisse Sachen immer noch nicht in den Griff bekommen hat. Die Aussage von der FIS ‚Wir haben was für die Zukunft gelernt’ ist natürlich auch enttäuschend. Da frage ich mich dann schon, ob mein Unfall zu wenig war.

Du hast Kvitfjell nach dem Unfall ja noch mal aufgesucht. War das ein unumgänglicher Schritt zur Vergangenheitsbewältigung?

Es war zu diesem Zeitpunkt gar nicht so, dass ich sagte ich muss da unbedingt rauf. Das hat sich so ergeben. Mir war nur wichtig, dass die Bedingungen dieselben sind wie damals, wenn ich in den Hang fahre. Die Erinnerungen waren dann sehr viel stärker. Ich konnte mich plötzlich an viele Details erinnern, die ich vorher nicht abrufen konnte. Ich habe dann noch kurz in den Hang geschaut, mir klargemacht, dass mein Wunsch gesund nach Hause zu kommen in Erfüllung ging und bin wieder heimgeflogen.

Welche Rolle spielt die Prothese jetzt generell in deinem Leben?

Eine der wichtigsten! Mit ihr steht und fällt meine Lebensqualität. Das habe ich heuer im Sommer sehr eindrucksvoll vor Augen geführt bekommen. Entzündungen im Stumpf haben dazu geführt, dass ich nicht mehr in die Prothese konnte. Da fühle ich mich dann schon behindert, weil sich im Alltag Probleme ergeben.

Gibt es etwas, was du nach dem Unfall nicht mehr machen konntest und dir fehlt?

Natürlich gibt’s einige Sachen, die ich so nicht mehr machen kann. Vieles geht aber schon. Ich kann zum Beispiel eine Skitour oder auf den Berg gehen, aber halt teilweise sehr eingeschränkt und nicht sehr lange. Bergab gehen oder im Gelände fahren ist auch ziemlich schwierig. Dafür fahr ich mit dem Motorrad genau wie früher. Teilweise muss man sich ein bisschen was einfallen lassen.

Du bist nach dem Unfall relativ schnell in den Bereich bei Salomon ins Marketing eingestiegen. Liegt hier deine Zukunft?

Ja, ich denke schon, dass meine Zukunft im Sportmarketing liegt. Sportlerbetreuung würde mich sehr interessieren, weil ich einfach gerne mit Menschen zusammenarbeite. Ich möchte auch gerne meine Erfahrungen aus dem Sport miteinbringen. Für das nötige Hintergrundwissen mache ich außerdem das Sport- und Eventmanagementstudium in Salzburg.

Was genau machst du eigentlich bei Salomon?

Direkt nach dem Unfall war ich Marketing-Projekt-Manager. Ich habe Marketing-Projekte konzipiert, umgesetzt und betreut. Durch meine aktuelle Situation, in der ich ja wieder im Renneinsatz bin, mache ich eher Botschaftertätigkeiten. Da habe ich viel mit Händlern zu tun oder repräsentiere die Marke. Außerdem bin ich in die Produktentwicklung, etwa von Ski, eingebunden. Nach dem Rennsport werde ich mich wieder verstärkt Projekten zuwenden. Zum Glück hat mich Salomon bei der Sache von Anfang an unterstützt.

Job, Uni, Eigenheim, Ehefrau, Kind, Rennsport… hast du irgendwo einen Klon versteckt?

(lacht) Die Familie ist für mich das Wichtigste überhaupt. Es ist der Bereich, der mir Kraft gibt und mich nach dem Unfall am meisten unterstützt hat. Vor allem ohne meine Frau wäre ich sicher nicht der, der ich heute bin. Die Heirat, das Haus und jetzt die Tochter, das stand immer an oberster Stelle bei der Lebensplanung. Alles andere ist einfach Zeitmanagement. Besonders wichtig ist mir, dass ich nicht nur die Dinge richtig mache, sondern auch die richtigen Dinge mache.