"Mit Freude, Herz und Seele"

Matthias Lanzinger hat die schwerste Hürde auf einem Bein gemeistert und den Weg zurück ins Leben gefunden. Zwei Jahre nach seinem fatalen Sturz im norwegischen Kvitfjell, als dem heute 29-Jährigen der linke Unterschenkel amputiert werden musste, blickt er mit Zuversicht in die Zukunft.

Im ORF.at-Interview spricht der Ex-Skiprofi aus Salzburg über die Zeit danach, seine Werte und jene Dinge, die in seinem Leben wichtig sind. Lanziger erklärt aber auch, warum er nahezu alles wie vor dem Unfall machen kann und was seine Zukunft bringen wird.

ORF.at: Herr Lanzinger, inwiefern haben sich Ihre Werte nach dem tragischen Unfall verschoben?

Matthias Lanzinger: Ich setze mir Ziele und versuche, sie zu erreichen. Früher im sportlichen Bereich, nun auf einer anderen Ebene. Das Wichtigste für mich ist die Familie, ohne die ich mich vom Unfall nicht so schnell wieder erholt hätte, und das Leben an sich.

Im Leben zählt nicht der Erfolg, der von außen erwartet wird, sondern nur jener, den ich selbst als solchen bewerte. So war es schon immer, und so wird es auch bleiben.

ORF.at: Können Sie sich noch an den Moment bzw. das Gefühl erinnern, als Sie von der notwendigen Amputation erfuhren?

Lanzinger: Nur an den Moment, als ich nach der Operation aufwachte. Als Skifahrer schaut man reflexartig auf die Beine, versucht, sie zu bewegen, um zu wissen, was los ist. Ich habe sie nicht gespürt. Meine Beine waren total taub. Meiner erster Gedanke war der an den Rollstuhl.

Ich fragte meine Freundin, ob ich denn querschittgelähmt wäre. Daraufhin lachte sie – das Bild habe ich noch vor mir – und erklärte, dass der Unterschenkel abgenommen werden musste, ich aber wieder gesund werden würde. Das war eine riesige Erleichterung für mich.

ORF.at: Demnach haben Sie sofort neuen Mut gefasst.

Lanzinger: Von diesem Augenblick an war mir klar, was passiert war. Ich begann, über die Zukunft nachzudenken, mir vorzustellen, wie mein neues Leben aussehen würde. Ich wollte wieder gesund werden und wusste, dass ich, wenn ich die Zähne zusammenbeiße, die Reha schaffen und wieder all das machen könnte wie davor. Mich auf neue Situationen einzustellen habe ich im Sport gelernt.

ORF.at: Gab es auf dem Weg zurück ins normale Leben auch Rückschläge?

Lanzinger: Nein, weil ich wusste, dass es hart wird, und mich darauf eingestellt hatte. So war es dann auch. Das Leben war zwar eine komplette Umstellung, aber wenn man mental darauf vorbereitet ist, ist es nicht unmöglich. Ich habe aus dieser Situation das für mich Beste gemacht.

ORF.at: Was hat sich in Ihrem Leben an sich verändert?

Lanzinger: Alles. Seit ich mit 15 Jahren nach Stams und ins professionelle Umfeld gekommen war, lebte ich 24 Stunden am Tag für den Sport. Alles hatte sich um Leistung gedreht. Nun zählen nicht die sportlichen oder körperlichen Ziele, sondern mein Leben, das Studium und meine vielen neuen Aufgaben.

Mein Tagesablauf ist völlig anders, nicht zu vergleichen mit früher, als ich 200 Tage im Jahr auswärts schlief. Dass das irgendwann so sein würde, wusste ich natürlich, weil es bei jedem Sportler so ist, deshalb war ich ein bisschen darauf vorbereitet. Aber dass dies so schnell passieren würde …

ORF.at: Was nehmen Sie aus dieser schwierigen Zeit in Ihr weiteres Leben mit?

Lanzinger: Nichts, weil sich gewisse Theorien und Hypothesen, die ich davor hatte, nur bestätigt haben. Dass die Leistung im Sport und der Erfolg, wie er von außen definiert wird, total unwichtig ist.

Was zählt, ist, dass man als Person mit seinen eigenen Aktivitäten für sich zufrieden ist. Der Erfolg ist eine Scheinwelt, er kommt schnell, und er geht schnell.

ORF.at: Woraus schöpfen Sie Ihre Kraft?

Lanzinger: Ich glaube an das Leben an sich und daran, dass alles, was passiert und was man macht, einen Sinn hat. Wie auch in meinem Fall. Das Leben ist mehr als ein Sieg bei einem Skirennen.

Für mich ist es schon ein Erfolg, wenn ich am Berg in der Natur unterwegs bin, wenn ich eine Skitour gehe, irgendwo oben stehe und zufrieden hinunterschaue. Das habe ich zu schätzen gelernt.

ORF.at: Was vermissen Sie?

Lanzinger: Die Gemeinschaft in der ÖSV-Truppe, wir waren immer ein tolles Team. Es war ein schöne Sache – und immer lustig, mit dem Haufen Gleichgesinnter mein halbes Leben zu verbringen.

Ich freute mich auf jeden einzelnen Kurs, auf die Gruppendynamik, die dabei entstand. Das geht mir ab. Zwar habe ich noch immer Kontakt zu ihnen, so integriert wie zu aktiven Zeiten bin ich aber nicht mehr.

ORF.at: Was haben Sie gefühlt, als Sie im Vorjahr in Kitzbühel zum ersten Mal wieder auf Skiern gestanden sind?

Lanzinger: Wahrscheinlich einfach nur Freude, weil Skifahren die letzte Unbekannte, der letzte Schritt in mein neues Leben war. Funktioniert es wieder so, wie ich mir das vorstelle? Ja. Und es war ein sensationelles Gefühl. Ich hatte eine Riesenfreude, weil Skifahren für mich nie Beruf, sondern eine Art Lebenselixier war.

ORF.at: Die Sicherheit dabei war auch in der vergangenen Saison ein Thema. Inwiefern ist der Skisport seit Ihrem Unfall und den Problemen mit dem Helikopter sicherer geworden?

Lanzinger: Ein paar Themen wurden mehr sensibilisiert. Der Abtransport wurde deutlich verbessert, die Rettungsnetze sind weiter hinten und nicht mehr direkt am Hang, dadurch sind die Sturzzonen breiter.

Dazu beigetragen hat aber nicht mein Sturz allein – er war nur ein Denkanstoß -, sondern die Verkettung vieler Verletzungen. Erst jetzt wird Ursachenforschung betrieben, langfristige Projekte sind angelaufen. Trotzdem hätte ich mir von der FIS eine schnellere Reaktion erwartet.

ORF.at: Oft muss erst etwas passieren, ehe von offizieller Seite reagiert wird. Macht Sie das wütend?

Lanzinger: Nein, es hatte seine Gründe, warum gerade ich stürzte. Vielleicht, weil ich damit besser umgehen konnte als ein anderer. Das war schon in Ordnung. Ich habe meinen Unfall in Wahrheit auch nie infrage gestellt, weil es darauf keine Antwort geben kann.

ORF.at: Welche beruflichen Pläne haben Sie nach Abschluss Ihres Wirtschaftsstudiums?

Lanzinger: Das dauert leider noch viel zu lange. (lacht) Aber es macht Spaß, weil ich mein praktisches Wissen ins Studium einbringen kann. In Summe ist es eine gute Möglichkeit, mir für die Zukunft ein sicheres Standbein zu schaffen. Obwohl meine Tage lang sind.

ORF.at: Dem Sport bleiben Sie wohl auch in Zukunft verbunden.

Lanzinger: Wohin die Reise genau geht, weiß ich nicht. Mal schauen, welche Türen sich noch auftun. Bei Salomon bin ich schon im Marketing, vielleicht bleibe ich in der Sportartikelbranche. Sie würde mich interessieren. Fest steht: Was ich auch mache, es muss mit Freude, Herz und Seele sein.

Das Gespräch führte Michael Fruhmann, ORF.at

"Mit Freude, Herz und Seele"

Matthias Lanzinger hat die schwerste Hürde auf einem Bein gemeistert und den Weg zurück ins Leben gefunden. Zwei Jahre nach seinem fatalen Sturz im norwegischen Kvitfjell, als dem heute 29-Jährigen der linke Unterschenkel amputiert werden musste, blickt er mit Zuversicht in die Zukunft.

Im ORF.at-Interview spricht der Ex-Skiprofi aus Salzburg über die Zeit danach, seine Werte und jene Dinge, die in seinem Leben wichtig sind. Lanziger erklärt aber auch, warum er nahezu alles wie vor dem Unfall machen kann und was seine Zukunft bringen wird.

ORF.at: Herr Lanzinger, inwiefern haben sich Ihre Werte nach dem tragischen Unfall verschoben?

Matthias Lanzinger: Ich setze mir Ziele und versuche, sie zu erreichen. Früher im sportlichen Bereich, nun auf einer anderen Ebene. Das Wichtigste für mich ist die Familie, ohne die ich mich vom Unfall nicht so schnell wieder erholt hätte, und das Leben an sich.

Im Leben zählt nicht der Erfolg, der von außen erwartet wird, sondern nur jener, den ich selbst als solchen bewerte. So war es schon immer, und so wird es auch bleiben.

ORF.at: Können Sie sich noch an den Moment bzw. das Gefühl erinnern, als Sie von der notwendigen Amputation erfuhren?

Lanzinger: Nur an den Moment, als ich nach der Operation aufwachte. Als Skifahrer schaut man reflexartig auf die Beine, versucht, sie zu bewegen, um zu wissen, was los ist. Ich habe sie nicht gespürt. Meine Beine waren total taub. Meiner erster Gedanke war der an den Rollstuhl.

Ich fragte meine Freundin, ob ich denn querschittgelähmt wäre. Daraufhin lachte sie – das Bild habe ich noch vor mir – und erklärte, dass der Unterschenkel abgenommen werden musste, ich aber wieder gesund werden würde. Das war eine riesige Erleichterung für mich.

ORF.at: Demnach haben Sie sofort neuen Mut gefasst.

Lanzinger: Von diesem Augenblick an war mir klar, was passiert war. Ich begann, über die Zukunft nachzudenken, mir vorzustellen, wie mein neues Leben aussehen würde. Ich wollte wieder gesund werden und wusste, dass ich, wenn ich die Zähne zusammenbeiße, die Reha schaffen und wieder all das machen könnte wie davor. Mich auf neue Situationen einzustellen habe ich im Sport gelernt.

ORF.at: Gab es auf dem Weg zurück ins normale Leben auch Rückschläge?

Lanzinger: Nein, weil ich wusste, dass es hart wird, und mich darauf eingestellt hatte. So war es dann auch. Das Leben war zwar eine komplette Umstellung, aber wenn man mental darauf vorbereitet ist, ist es nicht unmöglich. Ich habe aus dieser Situation das für mich Beste gemacht.

ORF.at: Was hat sich in Ihrem Leben an sich verändert?

Lanzinger: Alles. Seit ich mit 15 Jahren nach Stams und ins professionelle Umfeld gekommen war, lebte ich 24 Stunden am Tag für den Sport. Alles hatte sich um Leistung gedreht. Nun zählen nicht die sportlichen oder körperlichen Ziele, sondern mein Leben, das Studium und meine vielen neuen Aufgaben.

Mein Tagesablauf ist völlig anders, nicht zu vergleichen mit früher, als ich 200 Tage im Jahr auswärts schlief. Dass das irgendwann so sein würde, wusste ich natürlich, weil es bei jedem Sportler so ist, deshalb war ich ein bisschen darauf vorbereitet. Aber dass dies so schnell passieren würde …

ORF.at: Was nehmen Sie aus dieser schwierigen Zeit in Ihr weiteres Leben mit?

Lanzinger: Nichts, weil sich gewisse Theorien und Hypothesen, die ich davor hatte, nur bestätigt haben. Dass die Leistung im Sport und der Erfolg, wie er von außen definiert wird, total unwichtig ist.

Was zählt, ist, dass man als Person mit seinen eigenen Aktivitäten für sich zufrieden ist. Der Erfolg ist eine Scheinwelt, er kommt schnell, und er geht schnell.

ORF.at: Woraus schöpfen Sie Ihre Kraft?

Lanzinger: Ich glaube an das Leben an sich und daran, dass alles, was passiert und was man macht, einen Sinn hat. Wie auch in meinem Fall. Das Leben ist mehr als ein Sieg bei einem Skirennen.

Für mich ist es schon ein Erfolg, wenn ich am Berg in der Natur unterwegs bin, wenn ich eine Skitour gehe, irgendwo oben stehe und zufrieden hinunterschaue. Das habe ich zu schätzen gelernt.

ORF.at: Was vermissen Sie?

Lanzinger: Die Gemeinschaft in der ÖSV-Truppe, wir waren immer ein tolles Team. Es war ein schöne Sache – und immer lustig, mit dem Haufen Gleichgesinnter mein halbes Leben zu verbringen.

Ich freute mich auf jeden einzelnen Kurs, auf die Gruppendynamik, die dabei entstand. Das geht mir ab. Zwar habe ich noch immer Kontakt zu ihnen, so integriert wie zu aktiven Zeiten bin ich aber nicht mehr.

ORF.at: Was haben Sie gefühlt, als Sie im Vorjahr in Kitzbühel zum ersten Mal wieder auf Skiern gestanden sind?

Lanzinger: Wahrscheinlich einfach nur Freude, weil Skifahren die letzte Unbekannte, der letzte Schritt in mein neues Leben war. Funktioniert es wieder so, wie ich mir das vorstelle? Ja. Und es war ein sensationelles Gefühl. Ich hatte eine Riesenfreude, weil Skifahren für mich nie Beruf, sondern eine Art Lebenselixier war.

ORF.at: Die Sicherheit dabei war auch in der vergangenen Saison ein Thema. Inwiefern ist der Skisport seit Ihrem Unfall und den Problemen mit dem Helikopter sicherer geworden?

Lanzinger: Ein paar Themen wurden mehr sensibilisiert. Der Abtransport wurde deutlich verbessert, die Rettungsnetze sind weiter hinten und nicht mehr direkt am Hang, dadurch sind die Sturzzonen breiter.

Dazu beigetragen hat aber nicht mein Sturz allein – er war nur ein Denkanstoß -, sondern die Verkettung vieler Verletzungen. Erst jetzt wird Ursachenforschung betrieben, langfristige Projekte sind angelaufen. Trotzdem hätte ich mir von der FIS eine schnellere Reaktion erwartet.

ORF.at: Oft muss erst etwas passieren, ehe von offizieller Seite reagiert wird. Macht Sie das wütend?

Lanzinger: Nein, es hatte seine Gründe, warum gerade ich stürzte. Vielleicht, weil ich damit besser umgehen konnte als ein anderer. Das war schon in Ordnung. Ich habe meinen Unfall in Wahrheit auch nie infrage gestellt, weil es darauf keine Antwort geben kann.

ORF.at: Welche beruflichen Pläne haben Sie nach Abschluss Ihres Wirtschaftsstudiums?

Lanzinger: Das dauert leider noch viel zu lange. (lacht) Aber es macht Spaß, weil ich mein praktisches Wissen ins Studium einbringen kann. In Summe ist es eine gute Möglichkeit, mir für die Zukunft ein sicheres Standbein zu schaffen. Obwohl meine Tage lang sind.

ORF.at: Dem Sport bleiben Sie wohl auch in Zukunft verbunden.

Lanzinger: Wohin die Reise genau geht, weiß ich nicht. Mal schauen, welche Türen sich noch auftun. Bei Salomon bin ich schon im Marketing, vielleicht bleibe ich in der Sportartikelbranche. Sie würde mich interessieren. Fest steht: Was ich auch mache, es muss mit Freude, Herz und Seele sein.

Das Gespräch führte Michael Fruhmann, ORF.at